Lisa Jung und der lange Weg zum Siebenkampf – gute 4551 Punkte in Regensburg

Augen auf bei der Disziplin-Wahl!?

Finden sich für z.B. Weitspringer oder Kugelstoßerinnen im Wochenrhythmus Wettkampfgelegenheiten, haben MehrkämpferInnen im allgemeinen ein nur spärliches Wettkampfangebot zur Auswahl. Hinzu kommt, dass ein Sieben- bzw. Zehnkampf über 12-18 Stunden an 2 Tagen körperlich und mental eine längere Regeneration erfordert als z.B. ein gut einstündiger Auftritt im Speerwurf oder Sprint.

In der Corona-Saison 2020 verschärfte sich diese Situation für Lisa Jung zu einem Problem:
Durch den Entfall der Mehrkampf-Meisterschaften in Bezirk, Land und NDM konnte die amtierende Norddeutsche Siebenkampf-Meisterin und Inhaberin der Zehnkampf-Landesbestleistung ihren Titel nicht verteidigen, schlimmer noch: landesweit gab es somit keine Qualifikationsmöglichkeit für die Deutsche Meisterschaft.

Gut vorbereitet und in starker Form durfte sie zudem bei den ersten Mehrkämpfen in Frankfurt, Halle/S. und Regensburg nicht starten, weil dort coronabedingt keine Teilnehmer aus anderen Landesverbänden zugelassen wurden. Eine Teilnahme in Lübeck in der ersten Juli-Hälfte fiel einer verletzungsbedingt vierwöchigen Zwangspause zum Opfer. Der Antrag auf Sonderstartgenehmigung bei der DM im August wurde vom Siebenkampf-Bundestrainer befürwortet, in der DLV-Zentrale jedoch abgelehnt.

So frustriert, blieben Lisa über die Saison verteilt nur diverse Teilnahmen bei Einzelwettkämpfen. U.a. in Verden, Mannheim, Hannover und sogar Göttingen war Lisa zwar durchaus erfolgreich, aber das Mehrkampf-feeling konnte sich nicht einstellen: Es war wie beim Triathleten, der ein Jahr nur an Radrennen teilnehmen darf. Oder beim Klavierspieler, der eine Saison lang nur mit einer Hand spielen soll.

Nein, echte MehrkämpferInnen (=diejenigen, für die der Mehrkampf die Spezialdisziplin ist) sind aus einem eigenen Holz geschnitzt.

Nur zum Verständnis: Niemand beklagt sich über die - im methodischen Jahresaufbau wichtigen - Einzelwettbewerbe gegen z.B. Hochsprung-Spezialistinnen. Allerdings möchte man als Mehrkämpferin auch in seiner Spezialdisziplin starten.

 
Warum in die Ferne schweifen?...

…weil das Gute nicht so nah! Gerne wäre Lisa in Niedersachsen gestartet, allein die vereinsoffen ausgeschriebenen und gut besetzten Siebenkampf-Wettkämpfe fehlten.

Glücklicherweise besitzt sie ein gutes Netzwerk und Image als langjähriger Teil der überregionalen Mehrkampf-Gemeinschaft: Lisa ist andernorts gern gesehen! Und so hat sie jeweils einen Gast-Startplatz außerhalb der Meisterschaftswertung bei den Landesmeisterschaften von Hessen, Baden-Württemberg und Bayern erhalten.

Gegen Darmstadt sprach die ärztliche Empfehlung, die vielen Hautabschürfungen nach einem Trainingssturz noch abheilen zu lassen. Gegen Bietigheim sprachen die 8°-und-Dauerregen-Bedingungen.

Also Regensburg. Heimat der Deutschen Meisterinnen in der Siebenkampf-Mannschaft. Am 3. und 4. Oktober die von den Sportverbänden ausgerufene „late season“ wörtlich genommen: Wetter durchwachsen - am Samstag stürmisch (Föhn!), am Sonntagmorgen bitterkalt, aber an beiden Tagen trocken und überwiegend sonnig.

 
Höhen und Tiefen an der Donau – typisch Mehrkampf

Einem überraschend unsicheren Einstieg über die Hürden (16,23s) folgte der Hochsprung ohne jeden Fehlversuch (1,60m). Nach einem wirklich missratenen Kugelstoß (9,67m) legte Lisa eine neue Saisonbestleistung auf (200m in 26,80s bei 3,2m/s GW in der Kurve!).
Nach diesem Wechselbad ging’s in die Übernachtung, um schon frühmorgens um 6 Uhr Tag 2 vorzubereiten.

Im Weitsprung gibt es leider keine B-Noten-Punkte für die große Brettsicherheit - mit den 5,18m konnte Lisa zum wiederholten Mal nur andeuten, was eigentlich in ihr steckt. Dafür ließ sie den Speer nah an die Saisonbestmarke fliegen (32,66m).
Zum Abschluss haben alle AthletInnen die Mittelstrecke vor den Füßen. Ungeliebt zwar, aber für die Trennschärfe gut geeignet: Hier zeigt sich, wer den Mehrkampf verstanden hat und den Kampf mit der Disziplin und sich selbst annimmt. Lisa lief bravourös und mit 30m Vorsprung auf die Konkurrenz in 2:25,03min ins Ziel.

Am Ende 4551 Siebenkampf-Punkte, knapp 100 Punkte mehr als ihr Ergebnis bei der DM 2019 und der nachträgliche (und eigentlich unnötige) Beweis, dass sie immer ein DM-Niveau hat, wenn sie gesund ist.

Lisas Vormachtstellung in Niedersachsen: 500 Punkte Vorsprung in der Frauen-Jahresbestenliste.
Damit nicht genug: Jede ihrer 8 Saisonbestleistungen ist gut genug für einen Platz in der NLV-Liste. Für die jährliche Gesamt-Rangliste der niedersächsischen Vereine bringt sie somit allein vermutlich mehr als 90 Punkte ein…

MehrkämpferInnen sind die SchweizerMesser der Leichtathletik: vielseitig, robust, von hoher Qualität, oft unterschätzt aber in vielen Situationen wertvoll.
 

Ein abschließendes Dankeschön

Unser ehrlicher und herzlicher Dank gilt denjenigen Veranstaltern, Ausrichtern und besonders Kampfrichtern, die die Motivation der Sportler und Sportlerinnen in den Vordergrund gestellt und auch in Zeiten der Corona-Pandemie Wettkämpfe organisiert und durchgeführt haben.
Erst durch die Wettkämpfe wissen die AthletInnen, wofür sie die ganze Zeit trainieren!